Sprechen Sie mit Ihrer Brust, sagte der Chirurg und schenkte mir diesen Tiefseh-Blick. Während mein Verstand noch darüber lächelte, wusste ich: Es ist an der Zeit. Denn dich - die einzige Brust, die mir geblieben war - und mich verband bisher tiefes Schweigen. Die Entscheidung, die ich getroffen und eben meinem Arzt anvertraut hatte, war ein Abschied, der nach Worten suchte: Ich wollte mit Expander-Implantaten einen beidseitigen Brustaufbau vornehmen lassen. Und für diese Art des Eingriffs würdest auch du entfernt werden müssen.
Verlust.
In der Kunst des Loslassens war ich mittlerweile geübt, wenngleich unfreiwillig. Du erinnerst dich, damals, vor sieben Jahren, als man in meiner anderen Brust Krebszellen fand, die so rasch entfernt werden mussten, dass einem schwindlig wurde. Nach der Operation stand fest: Das reicht nicht aus. Ich verlor meine ganze Brust - die mit dem kleinen, herzförmigen Muttermal, das ich so oft mit dem Finger nachgezeichnet hatte. Die Zukunft, die ich zurückgewann, malte eine dünne Narbe quer über meine rechte Seite, wie sonst Pflüge ihre Spuren über brache Felder ziehen. Was blieb, war für andere unsichtbar. Wenn ich an meinen Rippenbögen hinuntersah, erkannte ich meine Weiblichkeit in ihrer puren Essenz, bei der sich Verletzlichkeit und Stärke nicht länger ausschließen.
Ich blickte in ein neues Selbst, das tragfähiger war als der Prothesen-BH, den ich mir jeden Morgen anlegte. „Du bist für mich immer noch eine ganze Frau", meinte so manch Mitfühlender. Meine Seele befand: Ich bin eine Frau wie eine Luxusyacht, nur mit noch mehr Tiefgang. Und ich kann mir vorstellen, dass du, meine Brust, dazu anerkennend gewippt hast. Wir waren in Seenot geraten, aber nicht gekentert. Kein Kommando Untergang. Natürlich fühlte sich diese Zeit nicht immer nur leicht an. Die Angst kleinzukriegen, wenn das Urvertrauen in den eigenen Körper nur noch eine flüchtige Ahnung ist, verbrauchte viel Kraft. Nicht leichter fiel der Griff ans T-Shirt, um beim Bücken Blicke aufs Dekolleté zu verhindern, das keins mehr war. Und du, mein einziger Busen, wurdest unmerklich zum Protagonisten von Vergänglichkeit. Ich hab dich der Einfachheit halber verdrängt. Schon wieder.
Verweigerung.
Denn wenn ich ehrlich bin, hat es mit uns genau so angefangen. Ich weiß nicht einmal mehr genau, wie alt ich war, als es das erste Mal beim Bauchschlafen wehtat. Als sich unter dem Leibchen zwei Jungmädchenbrüste abzeichneten, die nicht nur meine kindliche Silhouette stahlen, sondern auch das Kindsein selbst. Ihr wart allem im Weg, besonders während meiner intensiven Tanzausbildung. Das enge Trikot, das nichts verschwieg, was Mutter Natur mir zu schenken gedachte. Zuerst hab ich euch ignoriert, dann verflucht, schließlich plattgedrückt, aber es half nichts. Ihr wolltet über die kleinen Hippie-Brüste meiner Mutter hinauswachsen. Allein: Das Kind in mir fühlte sich mit barockem Busen verkleidet. Die Achtzigerjahre waren, so gesehen, modetechnisch ein Segen. Furchterregende Schulterpolster, die von allem ablenkten, was sich sonst noch erhob, und Jacken wie Einbauschränke. Jungs zogen mit meinem Teenie-Ich keinen Hauptgewinn, denn ich war Profi in Sachen Tarnung geworden. Lediglich mein Liebster durfte genießen, was ich so überproportional weiblich fand und der beschwerte sich nicht, als ich auch in meinen Zwanzigern fortfuhr, mit weiten Oberteilen lästige Blicke unter Unmengen von Stoff zu begraben. Als Frau gab ich mich in aller Augen unantastbar, doch es war eigentlich nur anstrengend.
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