Kind Geschichte

Ein Kind mit Geschichte

WIENERIN Chefredakteurin Sylvia Margret Steinitz wird Pflegemutter. Warum sie sich für ein „vorbelastetes“ Kind entschieden hat, erzählt sie hier.

Info

Endlich sicher

  • Jedes Kind hat das Recht auf ein echtes Zuhause.

    Pflegemama. Auch ­Alleinstehende können ­Pflegeeltern werden, sprich: ein Kind aus schwierigen sozialen Verhältnissen für unbestimmte Zeit aufnehmen, weil es nicht in der eigenen Familie betreut werden kann. Achtung: Wir behandeln hier die „Langzeitpflege“ im Gegensatz zur „Krisenpflege“, bei der Kinder für einen kurzen Zeitraum von eigens ausgebildeten Krisenpflegeeltern betreut werden.

    Rechte. Als Pflegemutter erhalten Sie vom Jugendamt den Auftrag zur Pflege und Erziehung. Die leiblichen Eltern behalten weitgehend ihre Elternrechte. Das Pflegekind behält z. B. seinen vollen Namen, der Kontakt zur leiblichen Mutter bleibt nach Möglichkeit aufrecht (z. B. durch Besuche alle 4 bis 6 Wochen). Wichtig: In 2 bis 5 Prozent aller ­Fälle wird eine Rückführung in die Herkunftsfamilie gestattet – Sie sollten sich darauf ­einstellen, sich möglicherweise von ­Ihrem Pflegekind wieder trennen zu müssen.

    Hilfe. Pflegeeltern haben Anspruch auf Pflegefreistellung, Familienbeihilfe, Kinderbetreuungsgeld und Pflege(eltern)geld. Das Jugendamt, eine zuständige Sozialarbeiterin und mehrere Beratungsstellen geben zusätzliche Hilfestellung im Erziehungsalltag.

    Vorbereitung. Nach einem Erstgespräch folgen mehrere Ausbildungsschritte: Grundkurs, Vertiefungsseminar, Wahlmodule. In ­einem Bewilligungsverfahren werden u. a. die eigenen Lebensumstände und finanziellen Verhältnisse beleuchtet.

    KANN ICH DAS?
    Grund­infos gibt es auf help.gv.at., Pflegeeltern tauschen sich u. a. auf igelkinder.at aus.

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    Mehr im Web

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    Schon als Kind beschäftigte mich, warum manche Kinder ein sicheres Zuhause haben und andere nicht. Mit sieben Jahren beschloss ich dann: Meine Kinder würden eines Tages alles haben, was ich nicht hatte. Mutter und Vater und Freunde und genug Geld - und wir würden alle in einem schönen Haus mit Garten wohnen. Mit zwölf Jahren begann ich, glitzernden Krimskrams und Spielgeld zu sammeln, um später für meine Kinder eine Schatzsuche veranstalten zu können, mit der sie eine Ferienwoche lang beschäftigt wären. Heile-Welt-Szenarien, projiziert auf meine künftige Heile-Welt-Familie.

    Alles Anders

    Doch das Leben lässt sich nicht am Reißbrett entwerfen. Und so bin ich mit 42 Jahren kinderlos und seit zwei Jahren Single. Die Details erspare ich Ihnen, sie beinhalten eine abgesagte Hochzeit und die Entscheidung, nicht „einfach so" schwanger werden zu wollen. Und so rückte ein Gedanke immer mehr in mein Bewusstsein, der schon seit Jahren in meinem Hinterkopf rumort hatte: ein Kind aufzunehmen, das bereits auf der Welt ist und dringend ein Zuhause braucht. Was sich ebenfalls immer mehr herauskristallisierte, war der Gedanke, dass ich es mehr bereuen würde, gar keine Kinder zu haben, als ich darüber fluchen würde, „es" alleine gewagt zu haben. Ein für mich wichtiger Teil meiner Biografie wäre dann ungelebt.

    Ich weiß, dass Kinder einem alles abverlangen. Aber ich sehe auch meine Mutter, die zwei Kinder unter schwierigsten Umständen alleine durchbrachte und sich heute fast nur noch an die schönen Momente erinnert - und froh ist, nicht ganz allein auf der Welt zu sein.


    Daran, ein Pflegekind aufzunehmen, dachte ich lange nicht. Ich ging selbstverständlich davon aus, dass nur Paare mit Kindern dazu berechtigt sind. Doch dann verkündete eine alleinstehende Bekannte, die vor fünf Jahren ein äthiopisches Mädchen adoptiert hatte: „Mein zweites Kind wird ein Pflegekind." Ich haderte eine Weile mit den Extraschwierigkeiten, die man als Pflegemutter in Kauf nehmen muss: nicht einmal den Namen des Kindes selbst aussuchen zu dürfen, immer die „zweite" Mutter zu bleiben, den Kontakt zu den leiblichen Eltern nicht nur zu dulden, sondern bewusst zu pflegen. Ich war mir lange nicht sicher, ob ich das konnte und wollte.

     

    Cain Weg zu Steil

    Und dann kam der Fall Cain. Ein kleiner Bub, totgeprügelt vom Stiefvater. Die Familie ohnehin schon in Betreuung durchs Jugendamt, aber man hatte halt gehofft, dass es noch wird. Den eigenen Eltern das Kind wegzunehmen, ist in Österreich immer die allerletzte Lösung, wenn Gefahr im Verzug ist - und dieser Moment lässt sich nicht immer vorhersagen. Wie viele Kinder jedes Jahr vor Cains Schicksal bewahrt werden, weil sie ihren Eltern rechtzeitig abgenommen werden, darüber las ich nichts in der Zeitung. Dafür las ich, dass das Jugendamt händeringend nach Pflegefamilien sucht, denen sie Kinder in Not überhaupt anvertrauen können. Warum also nicht mir?

     

    Umweg zum Glück

    „Diese Sozialfälle bleiben immer ein Problem", warnte mich eine Bekannte, „die haben das im Blut. Lass diese Kinder in den Heimen." Aber das halte ich für falsch. Österreich ist ein Sozialstaat, zu dessen Idealen ich stehe. Wir alle sollten die gleichen Chancen haben. Und wenn wir, die Vertreter der sogenannten Elite, nicht bereit sind, diesen Staat mitzutragen und uns um unseren Nächsten zu kümmern, wer soll es dann tun? Nein, wir, die es geschafft haben (oder einfach nur Glück hatten), haben eine Verpflichtung der Gesellschaft gegenüber. Und Pflichterfüllung, das weiß ich inzwischen, birgt auch eine Quelle des Glücks.


    Was mich am meisten freut, ist, dass ich aus einer anfänglichen Notlösung eine neue Grundhaltung zu meiner Existenz gewinnen konnte. Und dass mein Leben vielleicht keine heile Welt ist - aber dafür ein Abenteuer, bei dem noch viele Schätze darauf warten, entdeckt zu werden. Auch von mir.

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    3 Kommentare
    Gast: Mia
    17.02.2012 14:48

    whow :)

    1. herzlichen glückwunsch zu ihrem (Pflegekind)!
    2. alles Glück zum leben als familie!
    3. Hochachtung für diese tolle Entscheidung!
    4. egal ob es das leibliche Kind ist oder nicht, ein Kind ist das größte Geschenk, was es gibt.
    5. hoffentlich gibt es für weitere heimkinder solch fantastischen Chancen!!
    herzlichst

    Gast: Birgit
    07.02.2012 15:56

    Pflegemama

    Freut mich, daß es Menschen gibt, die einem Kind eine Mutter werden wollen.
    Ich wünsche Ihnen alles Liebe und Gute!
    Auch ich kam mit 17 Monaten zu einer Pflegefamilie und hatte somit ein richtiges Zuhause gefunden.
    Danke, daß Sie einem Kind(auch ich war damals "so" ein Kind) ein liebevolles Zuhasue schenken!
    Viel Freude,Gesundheit und Gottes Segen!

    Gast: TEL
    05.02.2012 20:49

    Daumen hoch!

    Ich finde Ihre Entscheidung GROSSARTIG, nachahmenswert und wünsche Ihnen alles Liebe, Freude und Begeisterung beim Verwirklichen Ihres Wunsches Pflegemutter zu sein!




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